Jedes Jahr, wenn die Tulpen blühen, erscheint der neue Deutschland-Spezial-Katalog von Michel. Jedesmal ein paar Seiten dicker und einige Euros teurer. Außer mit einer veränderten Einbbandgestaltung wurde uns heuer mit einer kompletten Neubearbeitung der Gebiete Deutsches Reich ab 1924 sowie Böhmen und Mähren der Kauf von Band 1 schmackhaft gemacht. Satte 74 Euro kostet das Werk mittlerweile, wohlgemerkt nur der Teil vor 1945.
Über die Preisgestaltung will ich mich aber gar nicht groß auslassen, so viel wurde dazu schon gesagt und geschrieben. Nur dies sei dem Schwaneberger-Verlag gesagt: Wäre der Katalog billiger, würde ihn jeder jährlich kaufen. Zu diesem Preis kommt für viele ein Neukauf nur im Abstand von mehreren Jahren in Frage. “Umsatzoptimierung für den fortgeschrittenen Anfänger” heißt die Lektion.
Der eigentliche Grund aber, warum ich über die Neuauflage schreibe, ist etwas, was mir bei Durchsicht des eigentlich sehr gelungen überarbeiteten Teils des Deutschen Reichs aufgefallen ist:
Die Falz-Bewertungen für Einzelmarken werden immer immer stärker ausgedünnt. Jedes Jahr werden weitere Ausgaben auf Pauschalbewertungen für den kompletten Satz umgestellt, wobei sich mir die Logik, nach der dies geschieht, noch nicht ganz erschlossen hat.
Die Seltenheit kann offenbar kein Kriterium sein. Die Michel-Nr. 608 (Otto von Guericke) ist beispielsweise (“noch”, ist man geneigt zu sagen) mit Werten von €0,40 für Falz, €1,60 für postfrisch und €0,60 für gestempelt aufgeführt. Für den Chicagofahrt-Satz (Mi 496/498) gibt es dagegen für Falz nur die Satzbewertung von €1200,-
Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Für die ungebraucht teuerste Hauptnummer des Dritten Reiches Mi 496 mit einem Katalogwert von €3400 für postfrisch, die man in einwandfreier **-Erhaltung kaum je zu Gesicht bekommt, muss man sich die Bewertung für die Standard-Qualität selbst aus dem Satzpreis ausrechnen.
In diesem Fall mag das Verhältnis zwischen den einzelnen Werten ja konstant sein, wie man durch Vergleich mit einem älteren Katalog sehen kann. Aber es ist wahrlich nicht bei allen Sätzen so, dass das Verhältnis zwischen Falz- und Postfrischpreis bei jeder Marke gleich ist.
Nehmen wir als Beispiel den Nothilfesatz 1929 (Mi 430/434). Einst war er ungebraucht mit €70- gelistet, jetzt erfreulicherweise mit €75,-, postfrisch blieb der Satzpreis konstant bei €240,-.
Welchen Falzpreis soll man nun für die beiden guten Werte 433 und 434 ansetzen? 75/240 macht 31,25% für das Verhältnis Falz zu postfrisch. Für die Nummer 433 (postfrisch €65,-) ergäbe sich so ein Wert von gerundet €22,-, für die 434 (postfrisch €160,-) käme man auf €50,- glatt. So weit, so gut.
Ein Vergleich mit dem alten Katalog zeigt aber, dass die Falzpreise der beiden Marken früher bei €15,- bzw. €55,- lagen. Das Falz/postfrisch-Verhältnis war bei den beiden Marken eben nicht gleich. Hat sich die relative Seltenheit beider Werte jetzt verändert? Das kann ich eigentlich kaum glauben. Mit der Pauschalbewertung wäre die 433 jetzt um satte 45% im Katalogwert gestiegen, die 434 aber um 10% gefallen.
Bei allen unbestreitbar positiven Veränderungen, die die Neubearbeutung gebracht hat und die zum Teil lange herbeigesehnt worden waren, bei den Falzpreisen ist Michel hier leider über das Ziel hinausgeschossen.
Es mag ja löblich sein, die Sammler zu Qualitätsbewußtsein erziehen zu wollen und deshalb die postfrische Erhaltung zu betonen. Aber die Realität sieht leider anders aus. Gerade jetzt, wo viele alte Sammlungen auf den Markt kommen, die eben nicht diesen Kriterien entsprechen, sind nachvollziehbare Bewertungsansätze für Falzmarken so wichtig wie eh und je.
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“Totgesagte leben länger!” … das gilt wohl auch für Falzware, selbst wenn heute wohl kaum noch jemand Klebefalze benutzt. Die Erhaltung * (ungebraucht) ist zudem ein sehr weites Feld: Sie reicht von fast postfrisch mit winziger Falzspur über mehrfach mit selbst gemachten Falzen zugekleisterte Markenrückseiten bis praktisch ohne Gummierung, nur mit marginalem Restgummi. Insofern richten sich Ungebraucht-Preise am Markt nicht unbedingt nach 08/15-Standard-Katalogwerten, die sich von Katalogredakteuren etwa alle zehn Jahre mal nach der beliebten Faustformel Pi mal Daumen ermitteln ließen.
Darüber hinaus wird die Marktrealität nicht länger von Händlerwunsch-Verkaufspreisen und -Qualitäten bestimmt, sondern vom Sammler und Kunden. Dieser scheint aber die vom Handel gehortete Attestware gar nicht zu präferieren, sondern nimmt bei akzeptablen Ungebraucht-Preisen auch rückseitige Qualitätsabstriche in Kauf. Das schmeckt der Händlerschaft natürlich nicht, wenn statt teurer Postfrisch-Ware die um etwa zwei Drittel günstigere Ungebraucht-Qualität nachgefragt wird. Da lohnt es dann mitunter auch gar nicht, um den letzten Cent zu feilschen, wenn das Preis-Leistungsverhältnis stimmt.
Was die alljährliche Neuauflage von Spezialkatalogen angeht, die zu 98 % mit demselben Inhalt erscheinen, ist wohl nicht viel zu sagen. Wohl kaum jemand kauft sich jedes Jahr zu solchen Phantasiepreisen ein Exemplar – entweder nur alle paar Jahre mal einen neuen Katalog und/oder eine preisreduzierte Vorauflage.