Die Aktie des kleinen Mannes?
Das Klischee der Briefmarke als “Aktie des kleinen Mannes” ist ebenso abgegriffen wie die Bezeichnung “Wetterfrosch” für einen Meteorologen. Dahinter steckt die Hoffnung auf eine beständige Wertanlage, die insbesondere von Versandhändlern und Postverwaltungen geschürt wurde und wird.
Doch spätestens seit dem Ende der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts begannen die Träume so mancher Sammler vom Reichtum endgültig wie Seifen- oder besser Spekulationsblasen zu platzen. Und dies geschah im Kleinen wie auch im Großen.
Zu viele Posthornsätze wurden gehortet, am besten gleich bogenweise. Und auch die teuren Werte des Deutschen Reiches wie Chicagofahrt und Nothilfeblock sind bei weitem nicht so selten, wie man glauben möchte. Sie sind auf jeder besseren Briefmarkenauktion gleich mehrfach zu haben.
Den Sammlern mit kleinerem Portemonnaie wurde Geld für Ersttagsbriefe und Motivsammlungen abgeknöpft und bunte Bildermarken aus exotischen Ländern schmackhaft gemacht. Die Hoffnung, je sein investiertes Geld auch nur annähernd wieder zu herein zu bekommen, war oft schon bei Abschluss des Abonnements illusorisch.
Den traurigen Höhepunkt dieser Entwicklung bildete vor einigen Jahren der Afinsa-Skandal, als die Geldanlage in Briefmarken selbst Kleinsparern verkauft wurde, die mit Philatelie überhaupt nichts am Hut hatten.
Briefmarken sind nur wertloses Papier!
Dem zugrunde liegt eine meines Erachtens grundlegend falsche Denkweise. Zur Geldanlage – also in Hoffnung auf eine zukünftige Wertsteigerung – sind Briefmarken denkbar ungeeignet. Hinter einem Wertpapier wie einer Aktie oder Anleihe liegen ja reale Werte, wie das Vermögen und die Leistungsfähigkeit eines real existierenden Unternehmens oder Staates. Wenn das Unternehmen gut wirtschaftet, wird auch auch der Aktionär seine Freude haben.
Briefmarken dagegen haben keine Wertdeckung. Sie sind immer nur das wert, was ein Interessent dafür bereit ist zu zahlen. Dieser Unterschied ist zwar nicht offensichtlich aber dennoch fundamental. Wenn sich immer weniger Menschen für Briefmarken oder postgeschichtliche Belege interessieren, wird es in Zukunft immer schwerer werden, gute Preise dafür zu erzielen.
Im Einkauf liegt der Gewinn
Diese alte Kaufmannsweisheit ist der Schüssel, wie man trotzdem die Chance auf einen guten Erlös beim Wiederverkauf seiner Sammlung wahren kann. Anstatt schweißgebadet darauf zu hoffen, dass die Notierungen im nächsten Michel-Katalog nicht schon wieder zusammengefaltet werden, sollte man darauf setzten, seine Marken und Belege so einzukaufen, dass sie bereits heute mit Gewinn wieder zu verkaufen wären.
Wissen ist Geld
Unabdingbar hierfür ist allerdings, dass man sich Kenntnisse aneignet, die einen dazu befähigen, günstige Gelegeheiten zu erkennen. Mit Literatur und Erfahrung kann man auf dem Briefmarkenmarkt noch so manches Schnäppchen machen. Die Philatelie ist einfach zu umfangreich, dass jeder alles wissen kann. Mit genügend Spezialwissen wird man daher immer die Chance haben, Schätze zu entdecken, an denen andere unwissend vorüber gehen.
Nur die Investition in Wissen schafft die Möglichkeit, eine substanzreiche Sammlung aufzubauen, an der man auch noch beim Verkauf seine Freude haben wird.
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Diese “Wertpapier”-Analyse von “Briefmarken als Aktie des kleinen Mannes” kann ich voll und ganz unterschreiben. Leider werben Spitzen-Auktionshäuser und Premium-Briefmarkenhändler noch immer gern mit Gewinnversprechungen, auch wenn die vor Jahren erzielten Preise für Raritäten längst Geschichte sind. Ob blaue oder rote Mauritius, ob seltene Klassik-Frankaturen oder ob ganze Sammlungen hochkarätiger Provenienz unter den Hammer kommen – nach Abzug von einstigen Ankaufs- und späteren Verkaufsprovisionen bleibt in den seltensten Fällen ein nennenswerter Überschuss, nicht selten dafür ein deutliches Minus. Dabei sind die über lange Zeiträume besonders zehrenden Inflationsverluste oder eine alternativ zu Briefmarken-Investitionen mögliche Kapitalverzinsung nicht einmal einberechnet. Der viel beschworene Trend zur Spezialisierung ist auch kein wirklicher Ausweg aus dem Dilemma schwindender Sammlerzahlen und damit abebbender Nachfrage: Wenn sich die Basis der Sammlerschaft dezimiert, wird auch nach oben die Luft noch dünner, sprich: zahlungsbereite Interessenten für lauter erklärungsbedürftige Spezialitäten wollen zukünftig erst einmal gefunden werden. Außerdem gibt es in der Geschichte der Philatelie immer wieder Moden – mal stehen Essais, Probedrucke und ähnliches hoch im Kurs, dann wieder Ersttags- und neuerdings Letzttagsbelege, bis auch diese keiner mehr haben will. Wertsteigerungen sind also weder planbar noch prognostizierbar. Gleichwohl gibt es geschickte Vermarkter: Man kaufe alle erreichbaren Stücke eines unbeachteten Sammelgebietes auf, fertige Ausstellungsexponate und schreibe Veröffentlichungen darüber, überzeuge Fachjournalisten, Katalogmacher und Prüfer, auf den Spekulationszug aufzuspringen, kräftig die Werbetrommel zu rühren – fertig ist ein neuer Sammeltrend. Beispiele gefällig? Wer weiß heutzutage eigentlich noch, was es mit Memelland, Sudetenland oder irgendeinem kolonialen oder besetzten Taka-Tuka-Land historisch auf sich hatte, geschweige denn wo diese Gebiete geographisch zu suchen sind? Die MICHEL-Ankündigung des neuen Deutschland-Spezial-Kataloges verrät dies zwar nicht, verspricht aber teilweise exorbitante Wertsteigerungen bei einigen Ausgaben dieser Gebiete … irgendwann sind dann Luftpost der französischen Besatzungszone, Nachnahme-Paketkarten von Saargebiet und Saarland dran … vielleicht sogar eine philatelistische Renaissance von Berlin und DDR … und wenn sie nicht gestorben sind, dann erzählen die Interessengruppen das Märchen von Briefmarken als Wertanlage noch übermorgen.