Wenn sich von der U-Bahn-Station Kieferngarten eine auffallend große Zahl älterer Herren mit Aktenköfferchen in Richtung des Veranstaltungszentrums M’O'C begibt, dann ist es wieder soweit: Die jährliche Briefmarkenmesse in der ersten Märzwoche öffnet ihre Pforten.
An der großen Straßenkreuzung vor der Messehalle dann die erste Überraschung: Auf der riesigen Anschlagtafel befand sich nur ein Schild der parallel stattfindenden Münzbörse NUMISMATA. Von der Briefmarkenbörse keine Spur. Erst unmittelbar vor dem Halleneingang standen dann Hinweisschilder. Ob ja jetzt die Veranstalter oder die Hallenbesitzer geschlampt haben, kann ich nicht sagen, einen sehr professionellen Eindruck machte das allerdings nicht.
Im Vorbericht hatte ich ja schon erwähnt, dass nunmehr regulär 6 Euro Eintritt verlangt wurden. Dem Andrang am ersten Messetag, (Freitag, den 5, März) tat dies allerdings keinen Abbruch. Man tat gut daran, eine halbe Stunde vorher dort zu sein, um noch ohne Schlangestehen eine Eintrittskarte kaufen zu können. Da die beiden Kassenbüdchen unmittelbar neben dem Haupteingang aufgebaut waren, kam es kurz vor 10 Uhr zu einem ordentlichen Kuddelmuddel zwischen Kassenschlange und Einlass-Traube.
Mir kam übrigens zu Ohren, dass an einer Kasse offenbar der PHILATELIE-Gutschein von 2 Euro nur für ein Kombi-Ticket mit der NUMISMATA in voller Höhe angerechnet wurde. So mussten einige Besucher wohl 5 statt 4 Euro für die Karte zahlen.
In der Halle dann die übliche Ersttags-Rush-Hour auf die Stände, in der die Sammler mit zittrigen Fingern gleich zu Beginn die besten Schnäppchen absahnen wollen. Natürlich waren wie immer auch schon am Vortag zahlreiche zahlende Schnäppchenjäger unterwegs, aber so ist das eben in der Philatelie…
Im Gegensatz zum Vorjahr, wo der Besucherstrom bereits am frühen Nachmittag des ersten Messetages deutlich abflaute, war der Andrang den ganzen Freitag über ziemlich kräftig. Am Samstag war es dann allerdings um so beschaulicher. Daraus kann man sicher den Schluss ziehen, dass viele Sammler, die vormals an zwei oder allen drei Tagen zum Messebesuch gekommen waren, sich wegen des Eintrittspreises auf einen einzigen Tag konzentriert haben. Und da ist nun einmal der erste Tag die beste Wahl, zwecks Schnäppchen und so…
Leider habe ich nicht die Hallenpläne und Händlerlisten der Vorjahre parat. Aber subjektiv hat man das Gefühl, dass die Messe vom Händlerbesuch her von Jahr zu Jahr etwas schrumpft. Der Ausstellungsbereich war dieses Jahr dagegen spürbar umfangreicher, und auch der Gastronomie stand deutlich mehr Platz zur Verfügung.
Hier sei übrigens der kleine Einwurf gestattet, dass die im Gastronomiebereich erstmals zum Einsatz gekommenen Vierertische vielleicht hübscher anzuschauen sind. Für größere Gruppen sind sie aber bei weitem nicht so praktisch wie die altbewährten Biertische. Und wie im Vorjahr wurde Weißbier im Halbe-Krug ausgeschenkt, und das in der Bierstadt München. Unfassbar! Das gern gepflegte Vorurteil der Besucher aus dem ländlichen Raum gegenüber dem Millionendorf findet so wieder neue Nahrung.
Zur subjektiv empfundenen kleineren Zahl an Händlern kam hinzu, dass einige altbekannte “Stammkunden” der Messe nur mit einem deutlich reduzierten Sortiment angereist waren. Normalerweise brauche ich bei Großveranstaltungen wie in München oder Sindelfingen die vollen drei Tage, um mich durch die Händlerkisten zu wühlen. Diesmal habe ich mich zum ersten Mal dazu entschieden, am dritten Tag nicht mehr auf die Messe zu kommen. Und das lag ausdrücklich nicht am verlangten Eintritt. Dem einen oder anderen Stand hätte ich vielleicht noch einmal einen Besuch abstatten können, aber richtig gelohnt hätte sich ein dritter Besuch sicher nicht.
Fazit: Ob das neue Konzept mit Eintrittspreis und reduzierter Standgebühr wirklich tragfähig ist, wird sich natürlich erst zeigen, wenn die Händler am Schlusstag Kassensturz machen. So ganz überzeugt davon bin ich allerdings nicht. Ich stand in München und Sindelfingen auch schon einige Male auf der anderen Seite eines Standes und weiß, dass ein nicht zu unterschätzender Anteil des Umsatzes mit “Kleinkram” gemacht wird. Und der wird vorzugsweise von eben jener Klientel gekauft, die es sich wegen des Eintritts zweimal überlegt, ob sie zur Messe kommt oder nicht.
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Die NUMISMATA war auch bei den letzten Berliner Börsen in Bezug auf (Außen-)Werbung und Besucherströme eindeutig das Messe-Zugpferd – der Briefmarkenhandel scheint nur noch ein Anhängsel der Veranstaltung zu sein. Bestärkt wird diese Entwicklung durch das Ausbleiben zahlreicher namhafter Anbieter, die schon in den Vorjahren nicht gerade über berauschende Geschäfte in der Hauptstadt berichteten. Sindelfingen mit seinem kaufkräftigen Einzugsgebiet und philatelistischen Rahmenprogramm als Besuchermagnet ist und bleibt wohl die erfolgreiche Ausnahme, nicht zuletzt wenn rückläufige Stand-Mieteinnahmen durch (steigende) Eintrittspreise vom Publikum ausgeglichen werden sollen. Eintrittsgelder wirken auf Interessenten immer als Zugangsschranken, schließlich muss auf einem Wochenmarkt oder in einem Kaufhaus auch kein Obulus entrichtet werden, um sich dort umschauen und einkaufen zu dürfen. Aber das Messe-Controlling achtet eben strikt auf totale Kostendeckung und nicht etwa auf optimale Kundenzufriedenheit, was sich am Ende einer Messeveranstaltung eben regelmäßig rächt. Andererseits sind die dadurch draußen bleibenden 1-€-Schnäppchenjäger wohl auch kein Umsatzverlust für die Händlerschaft, wenn mehr auf soliden Ertrag (Handelsspanne) gesetzt wird als auf volle Kleingeldbeutel. Selbst wenn die totgesagte Philatelie noch längst nicht mausetot ist, ein Wachstumsmarkt ist es nicht: in Boomzeiten partizipiert die Briefmarkenbranche angeblich vom Wirtschaftsaufschwung – in Krisenzeiten soll die Flucht in Sachwerte (Ersttagsblätter von der Bundespost?) stabilisieren. Man kann sich einen schrumpfenden Markt mit stark rückläufiger Sammlerschaft eben auch schön reden.
Bei der Diskussion um die Eintrittspreise darf man allerdings nicht außer acht lassen, dass eine Messe mit freiem Eintritt die absolute Ausnahme ist. In ziemlich allen anderen Branchen wird für Messebesuche zum Teil kräftig zugelangt, und das nicht nur für Fachbesucher, sonderen auch für Normalsterbliche.
Und was das kaufkräfige Einzugsgebiet angeht, sollte München der Messe Sindelfingen nun wirklich in nichts nachstehen.